Das Märchen von dem tapferen Schwesterlein

Dieses Märchen habe ich vor einigen Jahren geschrieben. Viel Spaß beim Lesen! Kritik & Anmerkungen sind herzlich willkommen! 🙂

Das Märchen von dem tapferen Schwesterlein

Vor langer langer Zeit lebte einmal ein kleines Mädchen. Sie hatte viele Geschwister, die sie sehr liebte. Vor allem liebte sie aber ihr Brüderlein, der in die Ferne gegangen war, um sein täglich‘ Brot zu verdienen. Der Weg nach Hause war lang und beschwerlich. Er führte durch tiefe Wälder, die dunkel und bedrohlich jene Wanderer aufnahmen, die den Ruf des Herzens folgte. Er führte durch reißende Flüsse, die mit verlockendem Seufzen in ihren Fluten zu locken versuchten. Steile Gebirgen mussten bezwungen, Hunger und Durst bekämpft werden.

Als die ersten Amseln wieder den Frühling mit ihrem Gesang ankündigten, stand das kleine Mädchen jeden Abend im abnehmenden Licht des Tages und hielt nach ihrem Brüderlein Ausschau. Doch die Straße war staubig und leer. Bald kam die Nacht, die ersten Sterne prangten am Himmelzelt, es wurde wieder Tag. Doch das Brüderlein war immer noch nicht da. Tage und Nächte gaben sich die Hand, aber das Brüderlein kam und kam nicht. Darüber wurde das Mädchen so traurig, dass sie sich unter einer alten Trauerweide setzte und bitterlich weinte. Plötzlich rauschte der Wind durch ihr Haar, er trug ihr eine ferne Stimme zu:

„Ach, liebes Schwesterlein,
du musst nicht traurig sein.
Doch dieses Jahr, dieses
Jahr komm ich nimmermehr.“

 „Brüderlein, mein liebes Brüderlein, bist du es?“, rief das Mädchen erfreut. Sie sprang auf, doch sie konnte das Brüderlein nirgendwo entdecken. „Brüderlein, wo bist du? Lass das Versteckspielen sein, lass mich dich sehen. Lang habe ich gewartet, lang habe ich geweint, bist du endlich mein?“

„Ach, liebes Schwesterlein,
du musst nicht traurig sein.
Doch dieses Jahr, dieses
Jahr komm ich nimmermehr.“

„Ach Brüderlein, warum kommst du, kommst du nimmermehr? Deine Stimme höre ich doch“, schluchzte das Mädchen. „Brüderlein, treibe nicht dein Scherz mit mir. Lange habe ich gewartet, lang habe ich geweint. Bist du nun endlich mein?“

„Ach, liebes Schwesterlein,
du musst nicht traurig sein.
Ich bin dein Brüderlein,
dein Brüderlein allein.“

 Am nächsten Morgen packte das Mädchen ihr Siebensachen und ging in die weite Welt, um ihr Brüderlein zu suchen. Sie bezwang steile Gebirge, bekämpfte Hunger und Durst, widerstand dem Seufzer der reißenden Flüsse, fand den Weg durch die dunklen tiefen Wälder. Doch das Brüderlein fand sie nirgendwo.

Sie fragte die stolze Sonne, die auf ihrer Reise doch mancherlei gesehen hat: „Oh liebe Sonne, du Kluge! Sag mir bitte, wo mein Brüderlein ist. Lange habe ich gewartet, lang habe ich geweint, lange habe ich gesucht, doch finden kann ich ihn nicht.“

„Liebes Kind, auf meiner
Reise sah ich vieles,
doch dein Brüderlein, dein
Brüderlein sah ich nicht.“

Sie fragte die alte Schildkröte, die doch so alt wie die Welt selbst ist, nach dem Brüderlein: „Oh liebe Schildkröte, die du so alt wie die Welt bist. Sag mir bitte, wo mein Brüderlein ist. Lange habe ich gewartet, lang habe ich geweint, lange habe ich gesucht, doch finden kann ich ihn nicht. Selbst die Sonne, die doch so weit gereist ist, konnte es mir nicht sagen, bitte antworte du mir.“

„Liebes Kind, zwar mag ich
so alt wie die Welt sein,
doch dein Brüderlein, dein
Brüderlein sah ich nicht.“

Als das kleine Mädchen die Schildkröte dies sagen hörte, fing sie an zu schluchzen. Die Tränen kullerten ihr über das abgemagerte Gesicht, auf das Trauer und vergangene Strapazen ein feines Netz gezeichnet hatten. Als sie so dasaß und weinte, erblickte sie eine alte Eintagsfliege, die nah an ihr Gesicht heranschwirrte.

„Mein liebes Kind, warum weinst
du so viele Tränen?
Brauchst du Trost, brauchst du Rat?“

 „Ach, liebe Eintagsfliege. Lange habe ich gewartet, lang habe ich geweint, lange habe ich gesucht, doch finden kann ich mein Brüderlein nicht. Die Sonne, die doch auf ihrer Reise so manches erblickt hat, konnte mir nicht helfen. Auch gab mir die Schildkröte, die von Anbeginn der Welt da war, keine Antwort. Wie kannst dann du mir helfen?“

„Liebes Kind, mag ich in
den Augen der Welt klein
und unbedeutend sein,
mag ich nicht wissen, ob
diese Flügel morgen
mich noch tragen, oder doch
zu Staub zerfallen, sich
in trockene Erde,
verwandeln werden. Doch
größter Schatz auf Erde,
du bist mein, mein allein…“

 Das kleine Mädchen wusste nicht recht, was sie erwidern sollte. „Ach liebe gute Fliege. Deine Worte sind mir ein Rätsel. Was ist der größte Schatz auf Erden? Dies war mein liebes Brüderlein für mich, doch nun kann ich ihn nicht mehr finden. Sollte auch ich zu Staub zerfallen, mich in trockene Erde verwandeln, ohne diesen Schatz wieder mein zu nennen?“

„Liebes Kind, der Wind hat
mir leise geflüstert,
dass du in das Tal des
Namenslosen reisen
musst. Dort wirst du finden,
was dein Herz so begehrt.“

Am nächsten Morgen setzte das kleine Mädchen ihre beschwerliche Reise fort. Die Sonne brannte ihr in das früh gealterte Gesicht, doch sie merkte es nicht. Die spitzen Steine rissen ihr die bloßen Füße auf, doch sie spürte es nicht. Allein der Gedanke, dass liebe Brüderlein zu finden, trieb sie an. Als die Sonne tief am Horizont stand und sich ihre letzten Strahlen an den Berghängen spiegelten, kam das Mädchen endlich im Tal des Namenslosen an. Doch wie erschrak sie, als sie die hässliche Kröte entdeckte, die vor ihr saß und den Weg versperrte.

„Tribut für den Namenslosen,
Tribut für den Namenslosen!
Gold oder Silber, ist einerlei,
eine Gabe, die muss doch sein.“

Das kleine Mädchen besaß nichts mehr als das alte Kleid, das in Fetzen an ihr hing. Sie gab es der Kröte und setzte nackt, wie der liebe Gott sie erschuf, ihren Weg fort, auf der Suche nach dem Schatz, den sie zu finden hoffte.

Im Tal des Namenslosen war es totenstill. Kein Vogelgesang, der ihr müdes Herz erfreute, kein Baum, unter dem sie sich vor der sengenden Hitze retten konnte, kein kühles Bächlein, in dem sie ihren zerschundenen Körper legen konnte. Die Stille war greifbar, bedrohte sie mit der Angst, dass es zu spät sein könnte, dass sie das Brüderlein nie mehr sehen würde. Die Momente der Verzweiflung waren jedoch nur von kurzer Dauer, die freudige Erwartung ließ nie lange auf sich warten. Doch wie war ihr Herz wieder bange, als sie ihren Weg durch eine Schlange versperrt sah, die sich ihr in den Weg stellte und zischte:

„Tribut für den Namenslosen,
Tribut für den Namenslosen!
Gold oder Silber, ist einerlei,
eine Gabe, die muss doch sein.“

Das kleine Mädchen weinte leise. Sie hatte doch nichts mehr auf dieser Welt, das sie dem Namenslosen als Tribut geben könnte. „Liebe Schlange, du siehst, dass die Blume auf der Wiese mehr Freude hat als ich, da sie sich an ihrer Schönheit erfreuen kann, der Wind mehr Glück, da er schnell davoneilen kann. Ich habe nichts als diesen einen Körper. Was könnte ich dir noch geben?“

„Gib ihn her, gibt ihn her,
eine Gabe muss sein!“

Das Mädchen überlegte kurz und streckte der Schlange ihre Arme entgegen.

Der Weg durch das Tal des Namenslosen nahm kein Ende. Die Tage vergingen, doch noch immer war vom Brüderlein nichts zu sehen. Ihre Kräfte ließen zusehends nach. Wenn der Hunger sie zu sehr quälte, aß sie die Beeren, die spärlich am Wegesrand wuchsen. Nachts, wenn die ersten Sterne am Himmel sichtbar waren, schloss sie ihr kleines Äugelein und träumte von dem Brüderlein. Die Gedanken an ihn wärmte sie, die Freude, ihn bald wiederzusehen, sättigte sie. Als wieder zwei Monde vergingen, kam sie an eine Mauer, die sich zu jeder Seite unendlich lange hinstreckte und ihr den Weg versperrte. Lediglich ein kleines verschlossenes Tor ermöglichte eine Fortsetzung der Reise. Das kleine Mädchen fürchtete sich sehr, als sie gewahrte, wie ein großer feuerspeiender Drache heranflog, der sieben Köpfe und sieben Schwänze hatte.

„Tribut für den Namenslosen,
Tribut für den Namenslosen!
Gold oder Silber, ist einerlei,
eine Gabe, die muss doch sein.“

Wie groß musste die Verzweiflung des Mädchens sein, als sie dies hörte. „Ach, lieber Drache. Von der goldenen Stadt im Osten, wo der größte aller Könige gelebt hat, bis in den tiefsten Norden, wo mein vertrautes Heim stand, sag mir, gibt es ein Wesen, das weniger besitzt als ich? Mein Kleidchen gab ich her, mein Körperchen ist geschunden, früh musste ich altern. Was könnte ich dir noch geben?“

„Gib ihn her, gibt ihn her,
eine Gabe muss sein!
Letztes, größtes Opfer…“

Als das kleine Mädchen im Gras lag und ihrem schwachen Atem lauschte, war es ihr, als vernähme sie eine leise Stimme von Weitem, kaum hörbar, wie ein leichter Wind, der an einem lauen Sommerabend leise durch sommerfarbene Bäume rauschte.

„Ach, liebes Schwesterlein,
du musst nicht traurig sein.
Dein Brüderlein wartet
auf dich, auf dich allein.“

 Mit einem Lächeln im Gesicht schloss das kleine Mädchen ihr Äugelein. Ein warmes Gefühl durchflutete sie, als sie das Leben verließ, um in die unendliche Weite des Universums einzutauchen. Ihr war, als ob sie schwebte. Mit einem Mal stand ihr das Geheimnis des Universums so dicht vor Augen, als ob es schon immer da war und nur den einen richtigen Moment brauchte, um sich zu offenbaren. „Ja, jetzt habe ich es verstanden, endlich verstanden…“ Als sie langsam wie im Traume die Augen öffnete, sah sie die kleine Eintagsfliege neben sich, die sie sanft anlächelte.

„Mein liebes Kind, deine
Reise, sie ist nun zu
Ende. Deine Mühen
sollen nicht umsonst sein.“

 Das kleine Mädchen freute sich sehr, als sie von oben her das Tal des Namenslosen betrachtete. Gewichen waren die lähmende Stille, der karge und todbringende Boden. Nun erfüllte lustiger Vogelgesang die klare Luft, die vom Duft abertausender lieblicher Blumen geschwängert ist, die sich wie ein kostbarer Teppich dem Horizont entgegenstreckten. Die Bäche rauschten in den Ohren des Mädchens wie ein innig ersehntes, lang vergessenes Lied von Heimat. Sie erfreute sich an den alten Bäumen, die ihre begrünten Äste stolz in den Himmel ragten. So flog sie einige Tage und Nächte, bis sie auf einer schönen Wiese eine Pause einlegte. Dort ruhte sich das kleine Mädchen im jadegrünen Gras aus, das sie wie ein warmer und sanfter Teppich umfing, und schlief sofort ein. Sie merkte nicht, wie die Nacht kam, wie es morgen wurde. Der Wind sang ihr leise ein Wiegelied vor, der Grasteppich umfing sie wie ein Kokon. In diesem traumhaften Zustand war es ihr, als ob sie das Brüderlein vor sich sah. Sie versuchte, ihm ihr kleines Händchen entgegenzustrecken, doch der Schlaf zog sie jedes Mal in sein Nest zurück.

Als sie dann nach langer Zeit aufwachte, wie freute sich das kleine Mädchen, als sie das Brüderlein tatsächlich vor sich sah. Sie umarmten sich lange und ein jeder erzählte dem anderen seine Geschichte. Die Tränen brauchten lange, um getrocknet zu werden, die Sehnsucht musste sich erst an dem Liebsten sattsehen.

„Schwesterlein, wir wollen
nie wieder getrennt sein.
Gib deinem Brüderlein
das kleine Händelein.“

 Im Fluss der Abenddämmerung spiegelte sich das Abbild zweier schöner Schmetterlinge, die dicht beieinander flogen. Ruhte der eine Schmetterling sich auf einer Blume aus, so ließ sich der andere auch nieder. Erfreute sich der eine Schmetterling an der unendlichen Fülle der Natur, so ließ der andere auch verzückt seine Flügel tanzen. Aber ein jeder, der dieses wundersame Paar sah, wusste, dass dies das Schwesterlein und das Brüderlein war. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann fliegen sie noch heute.

Ende

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