„Am Ende des Tages geht es aber nur darum, den Beweis zu erbringen, dass die Juden im Grunde schlechte Menschen sind“

Der israelisch-amerikanische Autor Tuvia Tenenbom, bekannt für Kolumnen wie  „Fett wie ein Turnschuh“hat dieses Jahr sein zweites Buch „Allein unter Juden – Eine Entdeckungsreise durch Israel“ veröffentlicht, das an seinem ersten Reisebericht „Allein unter Deutschen“ anknüpft.

Tenenbom beschreibt in seinem neuen Buch seine Entdeckungsreise durch Israel:

Dreißig Jahre nachdem er seine Heimat in Richtung USA verlassen hat, kehrte er, der Sohn eines Rabbiners, zurück, um sich ein eigenes Bild davon zu machen, wie sich die kulturelle und politische Identität Israels verändert hat.

Dafür ist er wieder kreuz und quer durchs Land gereist: vom Gazastreifen bis zu den Golanhöhen, von Eilat bis zu den Hisbollah-Stellungen im Norden. Und schon bald erkennt er, dass man, um dieses Land wirklich zu verstehen, mit allen sprechen muss: mit Ultraorthodoxen und Atheisten, mit Fundamentalisten jeglicher Couleur, mit Kibbuzniks und Siedlern, Rabbis und Imamen, mit Mystikern und Intellektuellen, Militärs und Geheimagenten, mit israelischen Prominenten und palästinensischen Politikern, mit Journalisten und NGO-Aktivisten u.v.m. Das Ergebnis dieser nicht immer ganz konfliktfrei verlaufenen Begegnungen ist eine ebenso unterhaltsame wie erhellende Erkundung eines Landes der Extreme, wie man sie so noch nie gelesen hat.

http://www.suhrkamp.de/buecher/allein_unter_juden-michael_adrian_46530.html

(Interessant, dass Tenenbom auch studierter Rabbiner ist!)

In einem Interview mit Cicero übt er Kritik an europäischen, besonders deutschen Journalisten und NGO-Aktivisten, denen er Bessenheit von Israel und den Juden vorwirft. Dieser Kritikpunkt nimmt auch in seinem neuen Buch eine wichtige Rolle ein.

Warum? Kann man nicht für Israel als jüdischen Nationalstaat und gegen das Unrecht der Besatzung sein? Das ist ziemlich exakt die Politik der verschiedenen Bundesregierungen egal welcher Couleur.

Es gibt viele Konflikte in der Welt. Man braucht zudem ein Lupe, um Israel auf der Landkarte zu finden. Und dennoch stürzen sich Journalisten und NGOs mit einer Besessenheit auf den Konflikt hier. Warum interessieren sich Deutsche nicht für Tschetschenien oder den Sudan? Oder die Lage der Palästinenser in den arabischen Ländern? Denen geht es da gar nicht gut. Aber das kümmert niemanden. Das zeigt doch, dass sie Konflikte, vor allem aber Palästinenser letztlich gar nicht interessieren. Es geht den Palästinenserfreunden um Israel und die Juden.

Niemand bestreitet, dass Antisemitismus manchmal auch im Gewand der Israelkritik daherkommt. Aber kann man Kritik an Israel nicht auch wegen objektiver Missstände im Umfeld der Besatzung üben?

Es gibt Konflikte und Probleme überall auf der Welt. Als in Israel geborener Jude stellt es sich mir so dar: Es geht um zwei Stämme, die dasselbe Stück Land wollen. Kein Stamm ist aber bereit, ernsthaft darüber zu verhandeln. Das war so und das wird so bleiben.

Das sieht die israelische Linke anders. Sie stimmt sowohl in der Beschreibung des Konflikts wie auch möglichen Auswegen mit den Europäern überein. Fällt damit Ihre Argumentation nicht in sich zusammen?

Die Europäer haben noch immer den Juden gefunden, den sie brauchen. Mein Buch „Allein unter Juden“ ist in Israel seit Wochen Bestseller Nummer eins. Menschen bedanken sich bei mir auf der Straße dafür. Aber es wird auch stark angefeindet. Kürzlich saß ich in einer Diskussion mit einem linken jüdischen Friedensaktivisten der Organisation „Peace Now“ in einer Sendung von Kanal 10, einem linken TV-Sender. Der Aktivist sagte mir, dass mein Buch voller Lügen sei. Ob er es gelesen habe, fragte ich. Ich würde ihm eine Ausgabe schenken. Nein, meinte er, er wolle seine Zeit nicht damit vergeuden. Selbst der Moderator fühlte sich gedrängt nachzuhaken, wie man ein Buch verreißen könne, das man nie gelesen habe. Oder ein anderer Fall: Mir gegenüber hat ein leitender Mitarbeiter der israelischen Menschenrechtsorganisation „Bet Tselem“ den Holocaust geleugnet. Diese Organisation versorgt europäische Medien und Stiftungen aber mit Material für ihre Kritik an der israelischen Besatzung. Warum suchen sich Deutsche und Europäer ausgerechnet diese Juden aus?

Herr Tenenbom, Sie argumentieren ständig mit dem psychologischen Subtext. Drehen wir den Spieß doch einmal um: Kann es nicht sein, dass die Juden Israels eifersüchtig auf die Palästinenser sind, weil sie ihnen im internationalen Wettbewerb um den Opferstatus erfolgreich Konkurrenz machen? Sind Sie deshalb vielleicht so verärgert?

Ich bin nicht verärgert wegen der Palästinenser. Sie mögen uns nicht, gelinde gesagt, und das schon vor der Besatzung 1967. Das weiß jeder, der arabisch versteht und ihre Bücher und Zeitungen lesen kann. Ich respektiere sie dennoch, ja ich bewundere und liebe sie. Sie sind keine Heuchler wie die Europäer. Sie sagen ganz offen: Die Deutschen haben die Juden umgebracht, sollen die sie jetzt doch aufnehmen. Wir wollen sie hier nicht. Palästina ist heiliges muslimisches Land.

Palästinas Regierung würde sich aber mit einem Teil des historischen Palästina begnügen. Das ist die Linie spätestens seit Oslo.

Das sagen sie, weil der Westen es hören will. Wenn es aber nur um Immobilien gehen würde, wäre der Konflikt doch längst gelöst. Es geht nicht um Land, sondern um einen Zusammenstoß der Kulturen und Religionen.

Also keine Lösung in Sicht?

Genau. Es gibt für diesen Konflikt keine Lösung. Es tut mir leid, wenn das in Ihren europäischen Ohren wehtut. Letztlich sind beide Seiten überzeugt: Wenn man ein Glas zerbricht, ist es wertlos. So ist es auch mit dem Land und der Zwei-Staaten-Lösung. Es geht nicht nur um Land, sondern vor allem um seine religiöse und kulturelle Bedeutung. Und da ist das Westjordanland nun mal wichtiger als Tel Aviv.

6 Gedanken zu “„Am Ende des Tages geht es aber nur darum, den Beweis zu erbringen, dass die Juden im Grunde schlechte Menschen sind“

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