Windelweich

Hier – wie versprochen – die Kurzgeschichte, die ich auf „meiner“ ersten Lesung präsentiert habe. Das Gedicht „Dass du nicht frierst“, das ich ebenfalls vorgelesen habe, ist bereits online.

Viel Spaß beim Lesen!

Windelweich

Das Mädchen zuckte zusammen, als sie den Stock durch die Luft surren hörte. Ihr war sehr mulmig zumute. Ihr Herz setzte merklich einige Schläge aus, als sie den Unglücksraben betrachtete, ihre Cousine, die jetzt an der Reihe war. Die Cousine legte sich, mit wirklich tapferem Gesicht, auf den Boden und wartete geduldig auf den Zorn des Mannes, den sie ihr Vater nannte. Warum stand aber das Mädchen überhaupt in dieser Schlange? Sie dachte angestrengt nach. Ihr fiel nicht ein, was sie angestellt haben könnte, um den Zorn dieses Schlägers heraufbeschworen zu haben. Lag lediglich ein Missverständnis vor? Ja, das musste es sein. Erleichtert atmete sie auf. Nun galt es, den Schläger auf diese Verwechslung aufmerksam zu machen. Kollektivbestrafung gilt ja wohl nicht. Und außerdem, durfte er sie überhaupt schlagen? Er war nicht ihr Vater, sie seine Tochter nicht. Verstohlen blickte sie aus den Augenwinkeln. Ihre Mutter war leider nirgendwo zu sehen. Sie betete leise, dass die Mutter im richtigen Augenblick erschiene, sie aus dieser misslichen Lage retten würde. Es war einfach nicht fair. Sie wurde bis jetzt nie geschlagen. Sie wusste nicht, wie es sich anfühlte, verprügelt zu werden. Und nun das. Man hätte sie wenigstens vorwarnen können. Ihre Cousins und Cousinen hatten es besser. Sie waren abgebrüht. Sie waren an diese Art Folter gewöhnt. Sie hatten wenigstens den Vorteil der Erfahrung. Das Mädchen hatte nichts. Es war wirklich nicht fair.

     Die Via Dolorosa bewegte sich nur langsam vorwärts. Zum Glück. Vielleicht schlief dem Schläger die Hand ein, vielleicht verlor er endlich die Lust an diesem Gefuchtel.

     Wenn das Mädchen Glück hatte, würde er rechtzeitig erkennen, dass sie nicht sein Kind war. Das zu erkennen war nicht einfach, bei den vielen Kindern, die hier immer herumrannten. Das musste sie ihm zugute halten. Da konnte man schnell den Überblick darüber verlieren, wen man schlagen durfte und wen nicht. Fremde Kinder durfte man aber auf jeden Fall nicht schlagen. Immerhin waren sie jetzt in Deutschland. „Ähm, es muss ein Missverständnis vorliegen.“ Ihr zaghafter Widerspruch ging jedoch in einem Schrei unter, als der fiese Stock auf ihre Cousine traf.

     Das Mädchen kam ihrer unverdienten Bestrafung immer näher. Der Schläger, dieser Stock, musste jetzt doch erkennen, dass sie nicht dazu gehörte. So ähnlich sahen sich die Kinder nun auch nicht. Doch das unbarmherzige Gesicht des Schlägers zeigte keinerlei Reaktion, den Stock streckte er in Verlängerung seines knorrigen Armes weit nach oben, um es ungnädig auf zitternde Kinderpopos niedersausen zu lassen. Er würdigte sie keines Blickes. Sie versuchte, leicht zu winken, den Schläger auf sich und das offensichtliche Versehen aufmerksam zu machen. Ganz leicht, wie beiläufig. Nicht, dass er auf die Idee kam, sie zu bevorzugen. Zeitlich gesehen natürlich. Doch immer noch keinerlei Reaktion. Wie konnte ihre Tante solch einen Menschen heiraten? Spaß verstand er bestimmt nicht.

     Der Stock kam immer näher. Nur noch zwei Opfer vor ihr. Ihr Herz raste. Unauffällig fasste sie sich an den Po. Etwas raschelte leise. Sie versuchte, sich zu beruhigen, sie holte tief Luft. So schlimm konnte es nicht werden, sie hatte zum Glück vorgesorgt. Als die Hiobsbotschaft die Runde machte, konnte das Mädchen inmitten der Verzweiflung, die sich der Kinder angesichts der üblen Neuigkeit bemächtigte, leise ins Kinderzimmer schlüpfen. Sie hatte sofort gefunden, was sie suchte. Bevor der Schläger ihre Abwesenheit bemerkte, war sie schon wieder da. Vielleicht wäre ihm gar nicht aufgefallen, dass ein Kind fehlte. Vielleicht hätte sie sich einfach verstecken sollen, bis der Sturm vorbeigezogen war. Sie hatte jedoch vor Schreck vergessen, dass es noch andere Lösungen gab, um der Strafe zu entgehen. Nun musste sie mit dem leben, was sich ihr anbot.

     Plötzlich brach Jubel aus. Die Cousine, vor ihr in der Schlange eingereiht, stürmte mit einem erleichterten Schrei aus dem Zimmer. Was war geschehen? Die letzten Minuten hatte das Mädchen wie im Traum verbracht, an die verbliebene ungeschlagene Zeit gedacht. Sie konnte sich den Tumult um sich herum nicht erklären. „Nichts wie weg“, raunte ein Cousin ihr zu. „Bevor er es sich anders überlegt.“ Das Mädchen lief schnell, wie betäubt, ins Kinderzimmer. Sie konnte ihr Glück kaum fassen. Mit einem schnellen Ruck befreite sie sich von der weichen Last. „Es lebe Pampers“, dachte sie.

Veröffentlicht in:
Schreibwerkstatt Reutlingen: „Der geborgene Schmerz“ (Dezember 2014)

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