Dietrich Bonhoeffer – Stationen der Freiheit

Heute habe ich an der Uni zufällig einen bemerkenswerten Spruch von Dietrich Bonhoeffer entdeckt, der mir die ganzen Jahre hindurch verborgen geblieben war.

Freiheit, dich suchten wir lange in Zucht und in Tat und in Leiden.
Sterbend erkennen wir nun im Angesicht Gottes dich selbst.

Dieser Satz ist Teil eines längeren Gedichts von Bonhoeffer, das er während seiner Gefangenschaft in Berlin-Tegel geschrieben hatte. Das Gedicht thematisiert die Entwicklung einer christlichen Freiheit in und trotz Gefangenschaft, mit der Hoffnung auf „vollständige Freiheit“ im Angesicht Gottes.

Stationen der Freiheit

Zucht

Ziehst du aus, die Freiheit zu suchen, so lerne vor allem
Zucht der Sinne und deiner Seele, dass die Begierden
und deine Glieder dich nicht bald hierhin, bald dorthin führen.
Keusch sei dein Geist und dein Leib, gänzlich dir selbst unterworfen
und gehorsam, das Ziel zu suchen, das ihm gesetzt ist.
Niemand erfährt das Geheimnis der Freiheit, es sei denn durch Zucht.

Tat

Nicht das Beliebige, sondern das Rechte tun und wagen,
nicht im Möglichen schweben, das Wirkliche tapfer ergreifen,
nicht in der Flucht der Gedanken, allein in der Tat ist die Freiheit.
Tritt aus ängstlichem Zögern heraus in den Sturm des Geschehens,
nur von Gottes Gebot und deinem Glauben getragen,
und die Freiheit wird deinen Geist jauchzend empfangen.

Leiden

Wunderbare Verwandlung. Die starken, tätigen Hände
sind dir gebunden. Ohnmächtig, einsam siehst du das Ende
deiner Tat. Doch atmest du auf und legst das Rechte
still und getrost in stärkere Hand und gibst dich zufrieden.
Nur einen Augenblick berührtest du selig die Freiheit,
dann übergabst du sie Gott, damit er sie herrlich vollende.

Tod

Komm nun, höchstes Fest auf dem Wege zur ewigen Freiheit,
Tod, leg nieder beschwerliche Ketten und Mauern
unsres vergänglichen Leibes und unsrer verblendeten Seele,
dass wir endlich erblicken, was hier uns zu sehen missgönnt ist.
Freiheit, dich suchten wir lange in Zucht und in Tat und in Leiden.
Sterbend erkennen wir nun im Angesicht Gottes dich selbst.

Hier eine sehr interessante Interpretation dieses Gedichts von Petra Bahr (EKD):

Wahrhaft frei wären in dieser Perspektive die, die nichts mehr tun können. Was für eine Zumutung an eine Leistungs- und Konkurrenzgesellschaft, die auch vor der Kirche nicht halt macht. Bonhoeffer entlarvt diese Freiheit als schönen Schein.

Was vorderhand ungebunden, dynamisch, flexibel und voller Elan aussieht, ist vielleicht im Tiefsten nur eine Verlegenheit, um die innere Haltlosigkeit zu überspielen. Das sagt Bonhoeffer ohne kulturkritische Mäkelei. Kein Zeigefinger richtet sich auf den sogenannten modernen Menschen, der in Ideologien und Moden gefangen ist. Er macht niemanden verächtlich oder klein. Er redet von Menschen, die die Flucht zu Gott längst angetreten haben. Er redet von sich.

Bonhoeffers Stift mag gezittert haben, als er die Zeilen niederschrieb. Vielleicht hat er sich die Zeilen laut vorgelesen, im Zwielicht seiner Zelle, als wolle er sich selbst Mut zusprechen, wenn ihm die Angst im Nacken saß.

Die Freiheit, der Bonhoeffer entgegengeht, ist die Freiheit im Angesicht Gottes.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.