Die Grenzen des Guten

Vor einer Woche schrieb Bernd Ulrich von der „Naivität des Bösen“ in der Flüchtlingskrise: Kein Zaun und kein hartes Wort der Kanzlerin werde den Zustrom aufhalten. Tina Hildebrandt und Heinrich Wefing halten dagegen: Wir können nicht alle aufnehmen, die zu uns wollen. Darüber müssen wir streiten.

Von und

http://www.zeit.de/2015/42/fluechtlingspolitik-zaun-grenzen-zuwanderung-grenzsicherung

Dieser Artikel ist einer der besten Beiträge über die aktuelle Flüchtlingsproblematik, die ich bislang gelesen habe. Er spricht die Punkte an, die mir ebenfalls durch den Kopf gehen, wie die Frage nach der Obergrenze der Flüchtlingsaufnahme oder die Notwendigkeit von Grenzen.

Die Autoren werfen Lösungsansätze in den Raum, die ich für vernünftig halte, wie ein Schnellverfahren für Asylbewerber aus dem Westbalkan oder die Möglichkeit von Botschaftsasyl. Bei dieser Art von Asyl können die HIlfesuchenden direkt vor Ort in einer (deutschen) Botschaft Asyl beantragen. Dadurch könnten Menschenleben gerettet werden, der Flüchtlingsstrom wäre ansatzweise reguliert.

Schön finde ich es, dass die Autoren die Angst der Bevölkerungsteile ernst nimmt, die den Flüchtlingsansturm kritisch sehen. Die Furcht dürfe nur nicht zum Autopiloten werden. Die Pathologisierung von Gegenpositionen hilft den Autoren zufolge nämlich nicht bei der Frage, wie Integration gelingen kann.

Die Autoren fordern eine ehrliche und offene Debatte, denn:

Verdruckste Zurückhaltung und pädagogisches Reden von Politikern, aus Sorge, das Volk könnte gleich wieder etwas falsch verstehen, führen jedenfalls zu mehr Verdruss als das eine oder andere Holperwort. Ein bisschen mehr Toleranz bitte auch für politischen Streit, denn es kann nicht sein, dass immer nur dann diskutiert wird, wenn eh alle einer Meinung sind, während die wirklich wichtigen Fragen nicht besprochen werden können, weil dann vielleicht „die Stimmung kippt“.

Interessant ist die Angabe, dass von Januar bis Juli 2015 (nur) 55.587 Syrer einen Asylantrag in Deutschland gestellt haben sollen. Da drängt sich bei mir automatisch die Frage auf, aus welchen Ländern die restlichen Flüchtlinge kommen, die hier ebenfalls Asyl begehren.

Genauso wie die Autoren möchte auch ich nicht die Not und das Lebensunglück derer kleinreden, die sich „nur“ aus wirtschaflichen Gründen nach Europa begeben. Aber es ist meiner Ansicht nicht dienlich, jetzt unterschiedslos alle Flüchtlinge bzw. Migranten aufzunehmen. Der Bürgerkrieg in Syrien ist noch längst nicht zu Ende. Was sagen wir den Syrern, die mit Sicherheit noch kommen werden? Ihr müsst draußen bleiben, die Einrichtungen sind voll?

Die Autoren sprechen als letzten Punkt die „Naivität des Guten“ an. Zur Naivität des Guten gehöre es auch, darauf zu beharren, das vermeintlich Gute zu tun, ohne die Nebenwirkungen mit einzukalkulieren. Nebenwirkungen wie ein mögliches Fehlschlagen der Integration oder die im Artikel angesprochene Anfälligkeit der Syrer für Antisemitismus.

Ich habe das Gefühl, dass die deutsche Gesellschaft sich in nächster Zeit ziemlich nach rechts bewegen wird. Werden auch Migranten wie ich, die hier in Deutschland aufgewachsen sind, darunter zu leiden haben?

Nachtrag:
Laut einer Statistik vom BAMF wurden von Januar bis September 2015 rund 274.923 (Erst-)Asylanträge gestellt (Seite 3). Hiervon fallen die meisten Anträge (70.501) auf Syrer, gefolgt von Migranten aus Albanien und Kosovo (Seite 5). Interessant ist ebenfalls Seite 7 der Statistik, die bzgl. der Erstanträge die Hauptherkunftsländer im Zeitraum 01.01. bis 30.09.2015 aufzeigt. Flüchlinge aus Syrien stellen mit 25,6 % die größte Gruppe dar, Migranten aus Albanien mit 16,2 % die zweitgrößte, gefolgt von Migranten aus Kosovo mit 11,4 %.

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