Epilog: Der Mufti und die Deutschen

Meine Blickweise auf den Palästina-Konflikts zwischen 1920 und 1948 unterscheidet sich von anderen Darstellungen signifikant. Dies gilt besonders für Texte, die wie Walter Hollsteins Kein Frieden um Israel oder Helga Baumgartens Palästina: Befreiung in den Staat vorzugsweise in der Linken rezipiert worden sind. Warum wird darin so selten die Stärke der palästinensischen Fraktionen erwähnt, die sich mit den Zionisten arrangieren wollten? [Weiterlesen]

von Matthias Küntzel

Wer noch nicht genug von Muftis und Nazis hat, findet hier einen weiteren interessanten Beitrag von Matthias Küntzel, der Politikwissenschaftler und Historiker ist und insbesondere zum Thema Antisemitismus forscht.

In seinem Artikel geht der Autor vor allem der Einflußnahme der Nazis auf die Frühgeschichte des Nahostkonflikts nach, die „ebenso bedeutsam wie folgenreich“ gewesen sei. Die NSDAP habe bei der Formulierung des antisemitischen Antizionismus eine Vorreiterrolle gespielt. Auch hätten erst die Waffenlieferungen und Finanzhilfen aus Nazi-Deutschland den vom Mufti geleiteten „Aufstand“ in Palästina ermöglicht.

Küntzel macht in seinem Beitrag darauf aumerksam, dass es durchaus palästinensische Kräfte gegeben hätten, die sich mit den Zionisten arrangieren wollten. Diese Politiker seien vom Mufti jedoch aus dem Weg geräumt worden.

Weiterhin ist es interessant, dass Küntzel zufolge „alle wichtigen Weichenstellungen zur Torpedierung einer arabisch-jüdischen Verhandlungslösung schon in der Phase der Nazi-Mufti-Kooperation“ stattgefunden hätten, wie die „Ausschaltung der palästinenischen Politiker, die eine Zwei-Staaten-Lösung befürworteten, Einschwörung der arabischen Welt auf den eliminatorischen Antizionismus“ oder die „Islamisierung des Palästina-Konflikts“.

Aspekte, die meines Erachtens immer noch hochaktuell sind. Sind es gerade diese Punkte, die einer dauerhaften Lösung des Nahostkonflikts im Weg stehen? Ich habe die Vermutung, dass es nicht primär der Siedlungsbau oder die unstreitig schlechten Lebensbedingungen im Gazastreifen sind, die immer wieder für Ausschreitungen seitens der Palästinenser sorgen, sondern gerade Elemente dieses „eliminatorischen Antizionismus“.

Wer war der Mufti, der die Nazis unterstützte?

Er soll Hitler zum Holocaust angestiftet haben? Netanjahus Behauptung ist abwegig. Ein Faktencheck für alle, die den Mufti von Jerusalem nicht mehr kennen

Ein Gastbeitrag von

http://www.zeit.de/wissen/geschichte/2015-10/holocaust-jerusalem-amin-al-husseini-netanjahu-hitler-mufti

Ein interessanter Artikel vom Historiker Hans Goldenbaum, der zurzeit in Jerusalem zu den Beziehungen zwischen arabischen Nationalisten und Zionisten in den 1930er und 1940er Jahren forscht.

Goldenbaum zufolge hätte der Mufti von Jerusalem, Amin al-Husseini, kaum irgendeinen Einfluss auf führende Kreise des nationalsozialistischen Apparats gehabt. Vielmehr hätten nationalsozialistische politische und militärische Strukturen seine Anwesenheit für propagandistische und strategische Zwecken genutzt. Husseini war jedoch unstreitig radikaler Antisemit und hatte die Ziele der Achsenmächte (insbesondere das Deutsche Reich, Italien, Japan) unterstützt.

Der (noch so geringe) Einfluss Husseinis war von mörderischer Art: Al-Husseini wäre nicht nur über die Realität der deutschen Vernichtungspolitik im Osten informiert gewesen, sondern hätte auch mehrfach aktiv bei verantwortlichen Stellen interveniert, um den Austausch jüdischer Häftlinge beziehungsweise die Ausreise von Juden in Richtung Palästina zu verhindern. 1943 soll al-Husseini zum Beispiel die Freilassung von 5000 jüdischen Kindern verhindert haben, die auf Initiative des Roten Kreuzes gegen 20.000 gefangene Deutsche ausgetauscht werden sollten. Durch seine persönliche Intervention bei Heinrich Himmler soll Husseini erreicht haben, dass diese Kinder stattdessen in deutsche Konzentrationslager deportiert und ermordet wurden.

Der Holocaust sei laut Goldenbaum schon in vollem Gange gewesen, als Husseini 1941 in Berlin auf Hitler traf. Dieser hätte Husseini die Ausweitung der Vernichtungspolitik auf den Nahen Osten im Falle eines deutschen Sieges angekündigt. Dieser Fall traf nie ein.